25.04.2008

Ich möchte Euch eine Geschichte aufschreiben, welche uns eine Freundin – die uns auf ihre Art und Weise auf unserem schweren Weg begleitet – gewidmet hat … die Geschichte von der Traurigkeit …

  Es war eine kleine Frau, die den staubigen Feldweg entlang kam. Sie war wohl schon recht alt, doch ihr Gang war leicht und ihr Lächeln hatte den frischen Glanz eines unbekümmerten Mädchens. Bei einer zusammengekauerten Gestalt blieb sie stehen und sah zu ihr hinunter. Sie konnte nicht viel erkennen. Das Wesen, das da im Staub des Weges saß, schien fast körperlos und es erinnerte an eine graue Flanelldecke mit menschlichen Konturen. Die kleine Frau blickt zu ihr runter und fragt: „Wer bist du?“ Zwei fast leblose Augen blickten müde auf „Ich? Ach ich bin die TRAURIGKEIT“ flüsterte die Stimme stockend und so leise, dass sie kaum zu hören war. „Ach, die Traurigkeit ?“ rief die kleine Frau erfreut aus, so, als würde sie eine alte Bekannte begrüßen. „Du kennst mich ?“ fragt die Traurigkeit missmutig…

„Natürlich kenne ich dich ! Weil, immer wieder hast du mich ein Stück des Weges begleitet.“ „Ja, aber …“ argwöhnte die Traurigkeit „warum flüchtest du dann nicht vor mir ?“ „Warum sollte ich vor dir davon laufen meine Liebe ? Du weißt doch selbst nur zu gut, dass du jeden Flüchtigen einholst, aber was ich dich fragen muss : Warum siehst du so mutlos aus ?“  „Ich … ach ich bin traurig und unglücklich“ antwortet die graue Gestalt mit brüchiger Stimme. Die kleine alte Frau setzte sich zu ihr. „Traurig und unglücklich bist du also …“ sagte sie und nickte verständnisvoll mit dem Kopf „dann erzähl mir doch was dich bedrückt“ Die Traurigkeit seufzte tief. Sollte ihr diesmal wirklich jemand zuhören wollen ? Wie oft hatte sie sich das gewünscht …

„Ach, weißt du …“ begann sie zögernd und äußerst verwundert  „es ist so, dass mich einfach niemand mag und es ist ja nun mal meine Bestimmung unter die Menschen zu gehen und für eine gewisse Zeit bei ihnen zu verweilen. Aber wenn ich zu ihnen komme, schrecken sie zurück. Sie fürchten sich vor mir und meiden mich wie die Pest..“ die Traurigkeit schluckte schwer „ sie haben Sätze erfunden mit denen sie mich bannen wollen. Sie sagen, Papperlapapp das Leben ist heiter und ihr falsches Lachen führt zu Magenkrämpfen und Atemnot. Sie sagen, gelobt sei was hart macht und dann bekommen sie Herzschmerzen. Sie sagen, man muss sich zusammenreißen und sie spüren das Reißen in den Schultern und im Rücken. Sie sagen, nur Schwächlinge weinen und die aufgestauten Tränen sprengen fast ihre Köpfe. Oder aber die Menschen betäuben sich mit Alkohol und Drogen damit sie mich nicht mehr fühlen müssen.“

„Oh ja …“ bestätigte die alte kleine Frau „solche Menschen sind auch mir oft begegnet“ Sie Traurigkeit sank noch ein wenig mehr in sich zusammen „und dabei will ich den Menschen doch nur helfen, denn wenn ich ganz nah bei ihnen bin, können sie sich selbst begegnen. Ich helfe ihnen doch nur ein Nest zu bauen um ihre Wunden zu pflegen und Prüfungen zu bestehen. Wer unglücklich und traurig ist, hat eine besonders dünne Haut und manches Leid bricht wieder auf wie eine schlecht verheilte Wunde und das tut sehr weh. Aber nur wer die Trauer zulässt und all die ungeweinten Tränen weint, kann seine Wunden wirklich heilen. Doch die Menschen wollen gar nicht, dass ich ihnen helfe. Stattdessen schmücken sie sich ein grelles Lachen über ihre Narben oder sie legen sich einen Panzer der Bitterkeit zu.“

Die Traurigkeit schwieg …. Ihr Weinen war erst schwach, dann stärker und schließlich verzweifelt …. Die kleine alte Frau nahm die zusammengekauerte Gestalt tröstend in die Arme. Wie weich und sanft sie sich anfühlte, dachte sie und streichelte zärtlich das zitternde Bündel …

 „Weine nur Traurigkeit“ flüsterte sie liebevoll … „ruh dich aus damit du wieder Kräfte sammeln kannst. Du sollst von nun an nicht mehr alleine wandern. Ich werde dich begleiten damit die Mutlosigkeit nicht noch mehr die Macht gewinnt.“ Die Traurigkeit hörte auf zu weinen. Sie richtete sich auf und betrachtete erstaunt ihre neue Gefährtin. „Aber …. Wer bist du eigentlich ?“ „Ich ?“ fragte die alte Frau schmunzelnd und dann lächelte sie so unbekümmert wie ein kleines Mädchen … „Ich bin die HOFFNUNG !“

  

Bei mir ist das genau so im Moment … die Traurigkeit und die Hoffnung leben in mir ganz nah beieinander …

  Traurig bin ich wenn ich mein Kind betrachte und sehe in was für einem Zustand sie sich in Vergleich zu letztem Jahr um diese Zeit befindet…. Letztes Jahr haben wir ihr an den warmen Apriltagen ein Planschbecken im Garten aufgestellt. Cara hatte so viel Spaß im Wasser … Ja, es tut verdammt weh … ich kann es einfach nicht lassen, ich muss so oft am Tag an die vergangenen Zeiten denken, so viel erinnert mich an meine alte Cara… und dann werde ich traurig .. aber ich lasse der Traurigkeit dann freien Lauf und weine… vergebens such ich einen Schuldigen für diese Situation. Es gibt keinen Schuldigen, an dem ich meinen unsäglichen Schmerz rauslassen kann.

Die Traurigkeit entwickelt sich zu einer Verzweifelung und dann überströmen mich tausend Gedanken. Was, wenn Cara so bleibt wie sie jetzt ist ? Werde ich dann zugrunde gehen oder über mich hinaus wachsen ? Was wird der Eingriff am Köpfchen ändern ? Wo stehen wir nächstes Jahr um diese Zeit ? Teilweise schleicht sich dann wieder diese Angst in meine Seele und raubt mir einfach die Kraft und Energie .. und das bekomm ich seit einigen Wochen zu spüren. Ich bin müde, kraftlos und antriebslos. Manchmal frag ich mich morgens wie ich den Tag meistern soll wenn mein Mann arbeiten ist. Aber irgendwie geht es immer weiter. Ich muss für mein Kind da sein … Und gleichzeitig ist da auch diese Hoffnung welche wir nicht verlieren dürfen.  Leider fällt es mir in den letzten Wochen immer schwerer optimistisch und positiv zu denken. Und dabei quält mich ein richtig schlechtes Gewissen meinem Kind gegenüber. Der Grund ? .. leider ist in den letzten Wochen zu wenig Positives passiert aus welchem ich Energie tanken kann. Es herrscht irgendwie Stillstand …

    

Meine Psychotherapeutin sagt mir immer, ich soll öfter was für mich tun … aber ich kann einfach noch nicht loslassen .. ich habe keine Ruhe, längere Zeit von zu Haus weg zu bleiben. Es gibt nur eine einzige Person aus der Familie, der ich Cara vertrauensvoll überlassen kann und das ist meine Schwägerin Indra. Ich weiß, dass sie im Notfall reagieren kann und das Richtige tut. Meine Mutter kommt zwar auch jeden zweiten Tag zu uns und möchte helfen, aber sie ist nun schon was älter und kann Cara nicht mehr heben und tragen, ich weiß nicht ob sie im Notfall so schnell reagieren könnte. Nichts gegen meine Mami, ich liebe sie sehr und ich bin sehr glücklich sie zu haben. Sie ist mir eine wichtige psychische Stütze…

 Zumindest habe ich mich vor drei Wochen dazu entschieden, einen Pflegedienst mit ins Boot zu nehmen. Ich hatte mir vorgestellt, der könnte sich 2 – 3 Mal die Woche zwei Stunden um Cara kümmern, so dass ich entspannt was anderes tun kann. Aber, leider klappt das nicht. Da uns lediglich Pflegestufe 2 genehmigt wurde, könnte der Pflegedienst für das Geld jeden Tag nur 1 Stunde zur Grundpflege von Cara kommen. Leider gibt es zurzeit auch keine andere Möglichkeit der Abhilfe. Erst wenn ich selber 12 Monate gepflegt habe, steht mir eine bestimmte Anzahl von Stunden an Unterstützung zu. Nach 12 Monaten !!! Ist das nicht irgendwie hirnrissig ??? Nun, ja … das sind unsere Gesetze ! ABER … ab 01.07.08 ändern sich einige Dinge in der Pflegeversicherung zu Gunsten der Pflegenden.

Übrigens, ich habe Widerspruch gegen Pflegestufe 2 eingelegt, den ich dann in einem erneuten Schreiben an die Krankenkasse auch begründen musste. Das habe ich in einem zweiseitigen Brief. Habe leider noch keine Antwort erhalten.

  

Unsere kleine Cara macht in gewisser Weise Fortschritte. Nach der letzten OP bleibt sie etwas unruhig. Die Nächte sind durchwachsen, sie wacht fast jede Nacht auf und weint ca. eine halbe Stunde. Meistens ist es ein oder vier Uhr. Ich weiß meistens nicht wie ich sie beruhigen soll, ich steh hilflos neben ihr und kann mein Kind einfach nicht beruhigen. Sie weint monoton vor sich hin, die Augen geschlossen und die Ärmchen zittern. Sie ist ganz steif und sie reagiert gar nicht auf meine Stimme oder Berührungen. Wie fühlt sich eine Mutter denn dabei ? Es bleibt mir nichts anderes übrig als zu warten bis Cara sich einigermaßen beruhigt…. Leider schläft sie danach nicht direkt wieder ein und liegt bis zu zwei Stunden danach wach …

 Die Tage sind durchwachsen … Freunde und Bekannte die Cara einige Zeit nicht gesehen haben, sind der Meinung, dass sie etwas wacher und aufnahmefähiger geworden ist. Zwischendurch wimmert sie und geht wieder in die Spastik. Sie hat Verdauungsprobleme und zuerst habe ich Sorge, dass etwas mit ihrem operierten Darm nicht stimmt. Vor zwei Wochen bin ich mit ihr noch mal in die Klinik zur Kontrolle gefahren. Ich war mir unsicher und hab den Chirurgen gebeten, die OP noch mal zu kontrollieren. Alles OK ! Und ein anschließender Ultraschall ist unauffällig… Gott sei Dank !

Wisst ihr, manchmal weiß ich gar nicht warum sie so unruhig ist, es kann einiges sein …. Innere Unruhe, Langeweile, Bauchschmerzen, Hunger, Durst … aber sie kann mir ja nicht anders deutlich machen was sie quält .. und ich muss weiter raten … manchmal hab ich das Gefühl, dass gleich mein Kopf platzt vom vielen Nachdenken….

 

Am 15.04, bin ich mit Cara zu einer Kinderärztin die sich mit Homöopathie beschäftigt, gefahren. Wir haben ein langes Gespräch über unsere Maus geführt … für mich noch mal schwer, wieder über alles Geschehene zu sprechen … Am 22.04. hab ich Cara abends 3 Globuli Stramonium gegeben. Die Nacht war ziemlich heftig.. Um 3 Uhr wurde sie wach und hat ziemlich lange geweint, sie war wie in Trance … ich konnte sie überhaupt nicht beruhigen … Die Nacht war leider vorbei, Cara ist erst um 9,30 Uhr morgens wieder eingeschlafen. Seit Mittwoch  ist sie nun ziemlich unruhig und in einem Gespräch mit der homöopathischen Kinderärztin teilte diese mir mit, dass sie eigentlich mit dieser Reaktion von Cara zufrieden sei … Die Homöopathie wirkt indem sie zuerst eine Verschlechterung des Zustandes hervorruft. Und danach tritt die Verbesserung auf … Seit Mittwoch ist Cara sehr, sehr schreckhaft, krampft oft und ist teilweise über ihr Krampfen genervt. Sie wimmert oft, und hat einen unzufriedenen Gesichtsausdruck. Spazieren gehen kann sie im Moment auch nicht so gut leiden … Ich habe beobachtet, dass der Straßenlärm sie nervt, am besten gehe ich im Grünen mit ihr spazieren. Es ist irgendwie anstrengend im Moment, wir versuchen, uns leise im Haus zu bewegen, damit sie nicht so oft krampft, wir versuchen permanent Cara ein angenehmes Leben in diesem Zustand zu bieten … und das ist anstrengend…. Zurzeit bekomm ich leider nicht viel positive Resonanz von meinem Kind. Sie kämpft und ist sehr mit sich selbst beschäftigt .. und ich kann ihr einfach nicht helfen, ich kann einfach nur da sein für sie …

 

Am 18.04. haben wir eine Probestunde Aqua-Therapie im „Sonarium Köln“ in Anspruch genommen. Frau Keim, die Leiterin der Therapie, ist eine sehr nette und einfühlsame Person. Wir haben uns sofort wohl gefühlt. „Sonarium“ bietet Delphin-Therapien ohne Delphine an. Ja, klingt komisch ABER … hier werden Delphin-Laute ins Wasser projiziert, die eine stimulierende Wirkung durch Vibration auf die Patienten ausübt. Wahrscheinlich werden wir einigen Monaten die Bekanntschaft von echten Delphinen machen … dann würde auch ein großer Traum für mich in Erfüllung gehen. Ich wollte schon immer eines dieser klugen Tiere streicheln.

 Cara wird nun zehn Wochen,  jeden Freitag eine halbe Stunde im Wasser therapiert. Heute waren wir das zweite Mal da und sie hat sich sehr wohl gefühlt, zuerst hat sie sich ein wenig beschwert, aber ich bin der Überzeugung, dass ihr zwischendurch auch die Magensonde weh tut, wenn man dran kommt. Danach hat sich unser Schwimmengelchen sehr wohl in den Armen der Therapeutin gefühlt. Die Eltern dürfen dabei nicht ins Wasser.. es tut gut, die Verantwortung für eine halbe Stunde in kompetente Hände abzugeben. Obwohl so ganz konnte ich mich nicht entspannen. Frau Keim hat sich in der Zeit mit uns unterhalten, sie versuchte uns klar zu machen was mit Cara geschehen ist und sagte : „Sie müssen immer dran denken, dass Ihr Kind traumatisiert ist, ihre Seele hat sie in der Nacht als sie den Herzstillstand hatte, verlassen und ist danach wieder in den kleinen Körper eingetreten. Sie ist durcheinander und muss sich in ihrem Körper wieder zu Recht finden, sie  muss wieder nach haus finden und das dauert. Sie müssen viel, viel Geduld haben …“ Diese Wörter klangen so komisch in meinen Ohren … die Vorstellung allein, dass Cara´s Seele aus ihrem Körper getreten ist, hat mir die Kehle zugeschnürt. Obwohl ich dieses Phänomen aus meiner spirituellen Entwicklung der letzten Jahre kenne, konnte ich das in Verbindung mit meinem Kind nicht akzeptieren…

Diese Delphin-Therapie müssen wir selber bezahlen, sie wird von euren Spenden finanziert J .. an dieser Stelle noch mal DANKE !!!

 

Ich hoffe, dass unser Sonnenschein in nächster Zeit etwas zur Ruhe kommt. Ich möchte nicht mehr, dass mein Tag fast ausschließlich aus Sorgen und Ängsten besteht. Ich sehne mich danach, wieder glücklich zu sein, mein Kind auf dem Weg der Besserung zu sehen. Ich möchte nicht mehr weinen, wenn ich andere kleine Kinder auf dem Spielplatz sehe oder die nette Bedienung an der Fleischtheke mich fragt ob die Kleine eine Wurst essen darf. Ich möchte mich freuen, wenn der liebe Apotheker mir lächelnd die Baby-Zeitschrift in die Hand drückt. Ich nehme sie und frage mich „was soll ich damit anfangen, diese Zeitschrift ist nur für gesunde Kinder gedacht .. passt nicht zu uns“. Und ich möchte endlich allen, die mich nach unserem Kind fragen, mitteilen können, dass sie richtige Fortschritte macht .. Und jetzt kommt die Hoffnung zum Vorschein .. die Hoffnung, dass diese Wünsche in den nächsten Monaten in Erfüllung gehen … das ist alles was ich mir in diesem Leben richtig wünsche .. eine geistig und körperlich gesunde Cara …

   

Ich wünsch Euch viel Liebe und Licht

  Bis bald Eure Lucy